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Wie kam es dazu, dass wir heute Deutsche sind? Dass wir wählen dürfen, dass alle die gleichen Rechte haben – alles nicht selbstverständlich. Bis heute darf man in vielen Ländern der Welt nicht seine Meinung sagen. Deutschland war da gar kein Vorreiter, aber im 19. Jahrhundert wollten auch wir endlich frei leben.
Dass Aufstände und Revolution gefährlich und blutig sein können, sehen wir aktuell in Nord-Afrika. Wir haben das hinter uns und die Pfalz hat hier eine große Bedeutung. Diese Flagge – schwarz, rot, gold – sie ist nicht das Einzige, was von der Revolution übrig geblieben ist.
1831: Das Hambacher Fest wird auf dem Hambacher Schloss bei Neustadt veranstaltet. Da öffentliche Reden zu der Zeit verboten sind, wird der politische Protest in Zeiten der Armut und fehlender Freiheit als Feier zelebriert und gilt heute als ein Vorbote der Deutschen Demokratie. Wie kam es dazu, dass hier in der Pfalz ein so großes Ereignis stattfand?
Während der Französischen Revolutionskriege war die Pfalz durch Franzosen besetzt. 1801 schloss man das Gebiet links des Rheins an Frankreich an. Die Region nannte sich Department Donnersberg und gehörte nun für eineinhalb Jahrzehnte zu Frankreich. Nach den Kriegen Napolens und dem Wiener Kongress kam die linksrheinische Pfalz als Entschädigung nach Bayern, welches Gebiete an Österreich abtreten musste. Die rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz dagegen wurden zum Großherzogtum Baden.
Als Gegenstück zur Oberpfalz in Nordbayern nannte man diese Region nun Rheinpfalz.
 Die Ideen von Freiheit der Französischen Revolution hatten sich in den Bürgern bereits verfestigt, als sie unter Bayerische Herrschaft gestellt wurden und diese Rechte erst einmal beibehalten durften. Dass man hier mehr Freiheitsrechte hatte als in anderen Teilen Bayerns, behagte der bayerischen Zentralgewalt nicht und sie ließ sich Schikanen einfallen. Hohe Steuern machten den Rhein-Pfälzern von nun an das Leben schwer und schwächten die Wirtschaft. Das Volk verarmte.
1830 musste sich das Französische Volk nach der Revolution gegen ihren König Karl den 10. wehren, der die Demokratie wieder beseitigen wollte. Das Volk wurde aufständig und nicht nur in Frankreich kam es zu neuer revolutionärer Aufruhr. Man wollte nach wie vor eine einheitliche Nation und wahre Demokratie mit allen Freiheiten. Auch bei uns gab es Anlass, sich zu wehren. Die Rechte der Rhein-Pfälzer wurden 1830 deutlich eingeschränkt und alles was gedruckt wurde, musste vorher staatlich geprüft und zensiert werden. Hier wurde so einiges aus den Texten der Presse wieder gestrichen, bevor sie gedruckt werden durfte. Seine politische Meinung zu sagen, war verboten, sofern sie gegen das System stand. Die Menschen durften sich zeitweiße nicht mehr versammeln und so waren auch keine politischen Kundgebungen mehr möglich. Es gab keine Möglichkeit mehr, seine politische Abneigung und Wut zu veröffentlichen, alles war vom Bayerischen Staat verboten worden.
Zeit, sich zu wehren. Die beiden Publizisten Johann Georg August Wirth aus Bayern und der Schwarzwälder Philipp Jakob Siebenpfeiffer luden ein zum Hambacher Fest in der Rhein-Pfalz – offiziell eine Feier, in Wahrheit eine getarnte politische Großkundgebung.
Ein Massenereignis auf dem Hambacher Schloss: Rund 30.000 Menschen waren gekommen, die etwas verändern wollten und auf Freiheit hofften. Menschen aus allen sozialen Schichten – UND aus mehreren Nationen. Pfälzer, Besucher aus Heidelberg, Kiel, München oder Leipzig waren gekommen. Aber auch Franzosen und Polen. Die Polen waren nach dem Scheitern des November-Aufstandes kurz zuvor über Deutschland nach Frankreich geflohen.
Nicht nur Männer, auch viele Frauen, folgten der Einladung, was damals ungewöhnlich ist. Besonders bemerkenswert ist die Vielschichtigkeit der Teilnehmenden, da der Aufruf erst einen Monat vorher erschienen war. Die Nachrichten konnten damals noch nicht über Telefon übermittelt werden. Botschafter hatten mit schlechten Wegen, Unfällen und Überfällen zu kämpfen.
Alle Gekommenen zogen vom Neustadter Marktplatz aus 4km weit zur Ruine des Hambacher Schlosses, wo Siebenpfeiffer seine Eröffnungsrede hielt:
„Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Brüder, die unsere Nationalität und unsere Selbständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!“
Die Festbesucher hatten allerlei Forderungen im Gepäck – Missstände, die endlich zunichte gemacht werden sollten. Man solle sich versammeln, frei seine Meinung sagen dürfen, und auch die Presse solle keine Zensur mehr erhalten, sondern die Wahrheit schreiben. Jeder solle die Religion haben dürfen, die er für richtig hält, die deutschen Länder sollen EIN Land werden und Europa solle aus mehrere Ländern mit festen Grenzen bestehen, die alle gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Umstände, die erst viel später Wirklichkeit wurden. Doch die Besucher des Hambacher Festes brachten den Stein ins Rollen – sie zeigten, dass sie das System so nicht mehr akzeptieren wollten – sie wollten DEMOKRATIE!
Schwar-rot-goldene Flaggen wurden hier zum ersten mal in großer Menge gehisst – durch die Burschenschaften kannte man die Farben bereits, die für Freiheit, Bürgerrechte und Einheit standen. Unter diesen Farben sollte ein neues Deutschland entstehen: ein Deutschland in Demokratie; ein Land wie Österreich oder Preußen auch.
Am 2. Tag des Hambacher Festes wurde die sofortige Bildung einer neuen Regierung gefordert. Die Einen wollten dafür Waffen einsetzen, die anderen wollten lieber zuerst eine politische Organisation gründen und die politische Neuordnung langsam angehen, weil ihnen klar war, dass ein sofortiger Aufstand gegen die Obrigkeit mit Waffen nicht zum Erfolg führen würde.
Trotzdem kritisierte der Dichter Heinrich Heine später die zu lange Vorbereitung mit den Worten:
„…Während den Tagen des Hambacher Festes hätte mit einiger Aussicht guten Erfolges die allgemeine Umwälzung in Deutschland versucht werden können. Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin der Freiheit uns gewährte…“
Eine sofortige Revolte gab es jedenfalls nicht. Zu gering waren die Chancen, dass sich die Demokratie durch Waffengewalt erzwingen lässt.
Direkt nach dem Hambacher Fest wurden etliche führende Persönlichkeiten, die an ihm teilgenommen hatten, vor Gericht gestellt. Die 13 Angeklagten wurden zwar in Landau vor dem Schwurgericht freigesprochen; doch unter dem Vorwand von Beamtenbeleidigung wurden sie dann in Frankenthal und Zweibrücken verurteilt.
In den folgenden Jahren wurden immer mehr Anhänger von Demokratie und Freiheit eingesperrt. Die Pressezensur wurde weiter verschärft, auch wenn das zugehörige Edikt auf Druck der pfälzischen Abgeordneten zeitweiße schon aufgehoben war. Und es wurde mehr denn je verhindert, dass sich Bürger versammelten. Siebenpfeiffer und Wirth flohen in die Schweiz – auch viele andere versteckten sich im Ausland vor den Bayern. Die Revolution war für die nächsten 2 Jahrzehnte erst einmal unterdrückt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es weitere Revolutionsbemühungen, doch erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kam es zu einem geeinigten Land unter Bismarck, das weniger durch Nächstenliebe als durch Machtstreben entstand.
In der politischen Großveranstaltung von 1831 sehen aber viele den Ursprung der deutschen Demokratiebewegung. Und das Debüt unserer nationalen Flagge, die für diese erkämpften Werte steht. |